4. April – Ein Same wird ein Baum, ein Baum wird ein Wald, ein Wald wird Leben

Der 4. April bezeichnet den Geburtstag von Rêber Apo – Abdullah Öcalan – der sich nun seit 27 Jahren auf der Gefägnisinsel Imralî in Isolationshaft befindet. In den letzten 1 ½ Jahren wurden große Schritte der Veränderung gegangen, sodass Rêber Apo die Isolationshaft mit einem Aufruf zu Frieden und einer demokratischen Gesellschaft durchbrochen hat und somit neue Dominosteine auf dem Weg der Freiheit gefallen sind. Die Gesellschaft Rojavas, aber auch wir, bezeichnen die Geburt Öcalans als die Geburt eines freien Lebens. Rêber Apo zeigt in seiner Persönlichkeit und in seiner Haltung der letzten 27 Jahre, dass Freiheit ein grenzenloses Konzept ist, das ebenso physische Einengung und Abgetrenntheit unter den schlimmsten Bedingungen von psychologischen Terror bis hin zu gezielter mentaler Folter überwinden kann. Somit sehen wir Frauen diesen Tag der Geburt des freien Lebens auch als unseren Geburtstag an. Denn die Mühen, die Abdullah Öcalan erbracht hat, richten sich mit großer Leidenschaft und an all die Mütter, jungen Frauen und alle weiteren, die sich in der Verantwortung fühlen, Leben zu schaffen, zu kreieren und zu formen. Denn schon in seiner Kindheit war er berührt durch den Charakter der Frau und ihr wiedersprüchlichen Rolle in der Gesellschaft. Eine Rolle, die der Frau auf natürlicher Weise nachkommen würde, beschäftigt sich mit dem Zusammenhalt der Gesellschaft, der Orientierung, des Bewusstseins und der Ästhetik. Doch nun wurde die Frau in eine Ecke getrieben, die sie losgerissen hat, von jeder gesellschaftlichen und ökologischen Aufgabe. Sie soll diese Rolle nicht mehr spielen. Doch wie in so vielen anderen Momenten erinnern wir uns besonders an diesem Tag daran, dass dies auch für uns nur eine künstlich gesetzte Grenze ist. So wie Rêber Apo können die Frauen sich diesen Hindernissen widersetzen und zurück zu ihrer Freiheit gelangen. Mit dieser Freiheit kann wieder ein Gleichgewicht hergestellt werden, das sich in ökologischer, wie auch sozialer Gesellschaftlichkeit ausdrücken wird.

In diesem Sinne und mit dieser Perspektiven werden heute, wie in den vergangenen Tagen viele neue Bäume in ganz Rojava gesetzt. Mit jedem Baum, den wir gemeinsam pflanzen, können diese Ideen tiefer wurzeln und ein kollektives Netz bilden, von dem wird genährt werden. Die Arbeit mit den Händen, in der frischen, vom Regen getränkten, roten Erde und den vielen, neuen Setzlingen, die ihre Hälse vor Freude auf einen neuen Lebensabschnitt dem Himmel entgegen strecken, erinnert an den wahren Ursprung dieser Erden, auf denen wir uns befinden – im wertvollen Land zwischen der zwei Hauptadern des Lebens: Euphrat und Tigris. Die letzten Wochen regnet es außergwöhnlich viel. Besonders im Vergleich zum letztem Jahr, in denen es maximal 5 Regentage gab, ist für diese Periode des Frühlings ungewöhnlich. Über den Jahreswechsel hat sich das erste Mal seit 7 Jahren der Schnee gezeigt und die ganze Region weiß gefärbt. Damit ist der Schnee, der sonst nur auf den hohen Gipfeln des Taurus-Zagros-Gebirges zu sehen ist, nun auf den ausgetrockneten und aufgerissenen Boden Rojavas gefallen. Zugleich bringt der Regen Glück, wie Unheil mit sich, da viele Häuser und Infrastruktur von starken Überschwemmungen betroffen sind. Außerdem ist noch unklar, wie die Erntezeit ausfallen wird, da besonders die ersten Monate des Jahres essenziell für die richtige Aussäung und Anreifung der Pflanzen sind. Wenn die Getreideernte in Engpässe gerät, kann die komplette Brotversorgung der Menschen des Landes in Schwierigkeiten geraten, was drastische Auswirkungen haben würde, da das “nan” zur grundlegensten – sowohl kulinarisch, finanziell, als auch kulturell und historischen – Nahrung zählt.

Ein anderes wesentliches und bedeutungsvolles Nahrungsmittel ist die Olive “zeytun”, die vorallem ihre wohlbefindlichste Gegend in Afrîn findet. Afrîn ist bekannt für seinen reichen Olivenanbau mit starkhalsigen und alten Bäumen. Die Bäume tragen selbst die Geschichte der vergangenen Jahre mit sich und ihre reichhaltigen Früchte finden zu jeder Mahlzeit eine kreative Form in der Ernährung. Doch der Olivenbau leidet durch die Folgen des Leides der afrinischen Gesellschaft, die zum Beginn diesen Jahres zum 3. Mal (oder sogar mehr) sich auf die Flucht begeben hat, um den brutalen Angriffen von HTS und IS zu entkommen. Das heilige, fruchtbare Land Afrîns wurde 2018 dem Volke aus den Händen gerissen und nach einem 3-monatigen Widerstand durch die türkische Besatzung und dschihadistischen Gruppierungen eingenommen. Die Anriffe waren seit Beginn Angriffe auf eine kulturelle, organisierte und stark verwurzelte Gesellschaft, die ihren Platz in der Geschichte mit Lebendigkeit und Leidenschaft füllt. Die Charakterzüge der Menschen aus Afrîn sind durch die unterschiedlichen Topographien beeinflusst, sodass die Menschen aus dem nahen, berglichen Raum harscher und sturrer sind, wohingegen die Menschen aus den Dörfern der weiten Täler einen sanften und wohlwollenden Charakter besitzen. In ganz Afrîn wurde eine selbstversorgende Kreislaufwirtschaft aufgebaut, die für eine Unabhängigkeit sorgte. Dies war der Isolierung der Stadt geschuldet, die nach der Befreiung während der Revolution Rojavas in 2012 anhielt, da die Region weiterhin umzingelt geblieben ist, sodass keine territoriale Angrenzung an die Selbstverwaltung bestand. Die Menschen ernährten sich von dem Land, das sie umgab. Maßgebend für diese Möglichkeiten waren die Frauen, die das Land umstellten und regelmaßig wässerten. Als Trägerinnen des gemeinschaftlichen Lebens in Form einer natürlichen Kreislaufwirtschaft und Selbstversorgung steht die Rolle der Mütter und Frauen im Vordergrund. Durch den geteilten Widerstand der Frauen konnten ethnische Spaltungen überwunden werden und diese darin eine Leitungsrolle für die gesamte Gesellschaft einnehmen. Die Türkische Armee, die im Januar 2018 das kommunale Leben in Afrin gewaltvoll unterbrach, nannte ihre Militäroffensive „Operation Oliven Zweig“. Bis heute sehen wir, wie sich diese Linie der Angriffe durchsetzt. Dschihadisten haben noch in diesem Jahr alte Olivenbäume abgerissen und verschleppt, wodurch das ganze Ökosystem zerstört und ein wichtiger Bestandteil der Kultur Afrîns enteignet wird. Ein Genozid an der Gesellschaft mit der Methode des voranschreitenden Femizids geht ebenso mit einem Ökozid einher.

Rojava ist ein Beispiel dafür, doch darüber hinaus finden wir diese Angriffsstrategien auch an anderen Orten – eine klare Strategie gegen die “welatparêzî” im Besonderen des kurdischen Volkes. In der Türkei in Mugla wurde nun genau vor 3 Tagen die Umweltaktivistin Esra Işık in Untersuchungshaft genommen, die sich widerständig in den Protesten um den Akbelen-Wald einsetzte. Das Thema des Akbelen-Waldes führt wieder bei den Oliven zu einem gemeinsamen Nenner: Bergbau und Kohleabbau statt Olivenhaine. Die Umweltaktivistin sagt: “Wir sind hier nicht nur Zahlen, hier geht es um unser Leben. Wir wollen diese Enteignung nicht. Das ist unser Land.“ Im Juni letzten Jahres wurde ein neues Sammelgesetz in der Landwirtschaft festgelegt, das jedoch in der Agrikultur und bei Umweltorganisationen weit umstritten ist. Die Regierung setzt auf die Notwendigkeit der Sicherung der Energieversorgung durch Kohle und damit die Stärkung wirtschaftlicher Nutzung inländischer Ressourcen. Die Folge: die Abholzung und Zerstörung des Akbelen-Waldes. Dies bedeutet jedoch irreversible Eingriffen in empfindliche Ökosysteme, sowie langfristige Schäden für die regionale Landwirtschaft und die Biodiversität. Der kulturelle Eingriff ist dabei ähnlich zu bewerten, wie in der Region Afrîns.

Gleichzeitig zeigt sich schon zu Beginn des Monates April, was es bedeutet einem Paradigma zu folgen, dass demokratische, konföderale Selbstverwaltung, Frauenbefreiung und Ökologie als seine Grundpfeiler besitzt. In Wan (Türkei) wurde kollektive Landwirtschaft in Form von Kooperativen gestärkt. Kooperativen können nicht nur die Produktion sicher stellen, sondern auch soziale Strukturen festigen und Abhängigkeiten reduzieren. In Zeiten wirtschaftlicher Krisen werden solche Organsierungsformen eine eigenständige Versorgung sichern. In Rojava gliedert sich die Praxis der Kooperativen in demselben Ziel ein. Die Beispiele Jinwar und Carûdî verdeutlichen die soziale Komponente von Kooperativen. Sie folgen den Entschlüssen der Dorfkommunen, wodurch sie entsprechend der Bedürfnisse und Umstände einen Nutzen finden können. Außerdem bringt die Arbeit, die Planung, die Ideen und das Träumen die Menschen zusammen, verbindet und erinnert an die Notwendigkeit der Verteidigung des eigenen Landes. Jeder Mensch wird wieder zu einer aktiven Schöpfungskraft, in dem er neue Orte schafft, Projekte entwirft, dem saisonalen Zyklus der Natur folgt, gemeinsame Versorgungsstrategien aufbaut und damit ein tiefes kollektives Bewusstsein findet.

Ein Thema, was zu diesem Zeitpunkt noch viele Fragen aufwirft, ist, wie sich der Krieg, der sich nun seit Ende Februar in den Iran verlagert hat, auf unser Ökosystem und den gesamten natürlichen Organismus auswirkt. Den Krieg – mit seiner Waffenindustrie bis hin zum Einsatz dieser Waffen – hat immer eine immense Auswirkung auf den Luftzustand und zieht damit weitere Folgen einher, wie eine Dominokette. Die USA und Israel haben am 28. Februar 2026 gemeinsame Angriffe auf den Iran gestartet, woraufhin der Iran Vergeltungsschläge gegen die USA und Israel sowie die US-Verbündeten unter den Golfstaaten ausgeübt hat. Neben Militärbasen wurden wichtige Infrastruktureinrichtungen im Nahen Osten, wie Ölraffinerien und Flughäfen, bombardiert. Mit dem Angriff auf South Pars ist im Krieg gegen den Iran ein Punkt erreicht, der weit über die unmittelbare Zerstörung von Energieinfrastruktur hinausgeht. Das Gasfeld, das der Iran gemeinsam mit Katar nutzt, gilt als das größte der Welt. Es ist nicht nur der zentrale Baustein der regionalen Energieversorgung des Iran. Ein Angriff auf solche Anlagen wirft immer auch die Frage nach den ökologischen Folgeschäden auf. Dazu zählen Brände, Schadstoffwolken, mögliche Leckagen, Belastungen für Böden und Gewässer sowie nach langfristigen Schäden für Mensch und Umwelt. Und genau dieser Aspekt dürfte in den kommenden Wochen stärker in den Vordergrund rücken als die erste Marktreaktion an den Börsen. Denn die Folgen könnten beträchtlich sein. Saurer Regen entsteht durch den vielen Rauch, der nach Explosionen in den Himmel aufsteigt. So wie am vergangenen Sonntag, als sich durch israelische Angriffe auf vier iranische Erdöldepots der Himmel über Teheran schwarz färbte. Der giftige Regen ist aber auch fern des Kriegs ein häufig auftretendes Phänomen, in vielen industrialisierten Regionen. Er entsteht durch die Wechselwirkung zwischen Wasserdampf und bestimmten Gasen in der Atmosphäre, die bei der Verbrennung von Kohle und Erdöl entstehen. Auch Pflanzen können geschädigt werden. Saurer Regen wäscht Mineralien und Nährstoffe aus dem Boden aus, die für das Wachstum von Bäumen notwendig sind. Für den Menschen stellt saurer Regen beim direkten Kontakt mit Niederschlägen normalerweise keine unmittelbare Gefahr dar. Allerdings kann er über den Wasserkreislauf auch in Regionen gelangen, die weit vom Entstehungsort entfernt sind.

Eine starke Kraft gegen diesen Krieg sind die Frauenverteidigungseinheiten YPJ, die seit 13 Jahren eine militärische Einheit bilden, gleichzeitig aber auf ideologischer Vertiefung aufbauen. Der oberste Leitfaden dieser Einheit folgt der Frauenbefreiung, die somit zu einer Befreiung der Gesellschaft auf öklogischen Grundprinzipien führt. Heute war das Jubiläum der Gründung von YPJ, was damit ihren Platz in der Linie der Wichtigkeit dieses Tages für die ganze Bewegung gefunden hat. Jedoch in der Zeit der politischen und organisatorischen Integration befindet sich diese Kraft grade in Gefahr. Für das kurdische Volk, die Freiheitsbewegung, ganz Syrien, aber auch für viele Frauen weltweit ist die YPJ ein enorm wichtiges und herausstechendes Beispiel, um wahrhaftige Schritte im Sinne der Emanzipation und Autonomie der Frau zu machen. Das Bestehen der YPJ bestimmt auf allen Ebenen die rote Linie der Verhandlungen. Somit bedeutet die Vernichtung von YPJ gleichzeitig die Legitimierung eines widerwärtigen Krieges gegen die Menschheit, bedeutet die bewusste Versklavung und Ausbeutung der Frau, bedeutet die Zerstörung der Umwelt und die Inkaufnahme ihrer katasthrophalen Folgen, bedeutet die Sprösslinge, die Rêber Apo gesetzt hat, im Keime zu ersticken und ihnen alles Sonnenlicht und Wasser zu rauben. Die Nicht-Akzeptanz von YPJ führt zu einer Ablehnung des selbstbestimmten Lebens auf kollektiven und ethischen Werten.

Darin sehen wir, dass sich der 4. April nicht von diesen ganzen Themen trennen lässt, sondern einen zentralen Punkt der Verbindungen darstellt. Die Geburt Abdullah Öcalans hat eine große Welle geschlagen, bis sie zum Geburtstag der freien Frau wurde und damit eine Utopie in eine gelebte Praxis bringt, Somit möchten wir allen gedenken, die sich ebenfalls auf diesen Weg begangen und einen Beitrag zur Umsetzung dieser Utopie geleistet haben. Gleichzeitig feiern wir mit allen, die ihre Träume groß halten und jeden Tag als eine neue Chance für eine Veränderung auf ein Leben in ökologischen, sozialen und politischen Gleichgewicht definieren.

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