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09
Feb

Neues Paradigma: Ökologie, Demokratie und Geschlechterbefreiung

Mit einem Vortrag unter dem Titel „Das neue Paradigma: Ökologie, Demokratie und Geschlechterbefreiung zu einem revolutionären politischen Paradigma verweben“ beleuchtet eine ehemalige Mitwirkende des Community Food Growers Network (CFGN) die Rolle der Ökologie in der Revolution von Rojava.

Der vorliegenden Artikel ist die Transkription eines Vortrags der im Rahmen der DSEI-Anti-Waffenhandel-Mobilisierung und für das „Green Earth Awakening-Camp“ gehalten wurde. Beide Veranstaltungen fanden im letzten Jahr in England statt. Ziel des Vortrags war es, die Rolle der Ökologie in der Revolution von Rojava zu beleuchten sowie Lehren zu vermitteln, die beim Aufbau der Bewegung in Großbritannien helfen können. Das CFGN ist ein Netzwerk von Gruppen, die sich für den Anbau von Lebensmitteln engagieren, Land für die gemeinschaftliche Nutzung befreien und andere dabei unterstützen, Lebensmittel auf gesunde und nachhaltige Weise anzubauen.

Ich sende diese Botschaft aus dem befreiten Gebiet der Autonomen Verwaltung Nordost-Syriens, besser bekannt als Rojava. Ich bin vor über einem halben Jahr hierher gekommen, um mich der Arbeit der Revolution anzuschließen und von ihr zu lernen. Ich habe ökologische Arbeiten gemacht, mitgewirkt an Baumpflanzungen und Gartengestaltung, sowie mit der Frauenbewegung gearbeitet, Kurdisch gelernt und Englisch unterrichtet. Bevor ich hierher kam, organisierte ich mich über ein Jahrzehnt lang mit radikalen Gruppen in Großbritannien, darunter ökologische Kampagnen, in feministischen und queeren Gruppen, in der antifaschistische Bewegung und in jüngster Zeit mit einem stärker gemeinschaftsorientierten und radikal-demokratischen Ansatz. Einer der Hauptgründe, warum ich nach Rojava kam, war, dass ich das Gefühl hatte, dass wir, obwohl es in Großbritannien eine Menge erstaunlicher Organisierungsarbeit gibt, in gewisser Weise auch an eine Mauer gestoßen sind. Wir haben eine Menge Fragen, zu denen wir gemeinsam Antworten suchen: Was für eine Welt wollen wir aufbauen und wie können wir dorthin kommen. Als ich anfing, mehr über die Revolution in Rojava zu lernen, hatte ich wirklich das Gefühl, dass dies eine Bewegung war, von der wir viel lernen konnten, die über ein paar Jahrzehnte etwas aufgebaut hat, das stark genug war, um es mit den Kräften des Faschismus, des Patriarchats und des Kapitalismus aufzunehmen und eine Gesellschaft zu etablieren, die auf ökologischer Nachhaltigkeit, der Befreiung der Geschlechter und radikaler Demokratie basiert. In diesem Vortrag werde ich also versuchen, ein wenig über die Dinge zu sprechen, die – aus der Perspektive des Hierseins – in der britischen radikalen Linken am meisten fehlen.
Was uns im Vereinigten Königreich fehlt, was uns daran hindert, eine wirklich revolutionäre Perspektive zu entwickeln, ist unsere bisherige Unfähigkeit, ein politisches Paradigma zu finden, das die Grundlage für eine andere Art von Gesellschaft legen kann. Stattdessen tendieren wir dazu, einfach gegen die jüngsten Empörungen zu reagieren, die das dominante System auf uns wirft – ob das nun Fracking, Brexit oder Boris Johnson ist. Dieser Vortrag wird sowohl für die DSEI-Anti-Waffen-Mobilisierung als auch für das „Green Earth Awakening Camp“ aufgenommen, und ich dachte zuerst, es wäre wirklich unmöglich, etwas aufzunehmen, das für zwei so unterschiedliche politische Räume geeignet ist. Aber je mehr ich darüber nachdachte, was ich sagen wollte, welche Lehren ich versuchte, aus der Teilnahme an der Revolution hier zu ziehen, desto mehr wurde mir klar, dass das, was in Großbritannien fehlte, diese gemeinsame Grundlage eines neuen politischen Paradigmas ist, und das ist etwas, das wir über all die verschiedenen Strömungen und Schwerpunktbereiche innerhalb unserer breiteren Bewegung hinweg aufbauen müssen.
Obwohl ich also darüber sprechen könnte, wie der türkische Staat sowohl F-15-Kampfjets als auch umweltzerstörende Staudammbauten einsetzt, um gegen die Revolution Krieg zu führen, und ich könnte über die ökologischen Projekte hier sprechen – die Baumschulkooperativen, die Wiederaufforstung der Region, das Bildungssystem – glaube ich nicht, dass es das ist, was die Umweltbewegung in Großbritannien wirklich hören muss, um sich weiterzuentwickeln. Dieses Bewusstsein und diese Analyse ist nicht das, was uns in Großbritannien fehlt – uns fehlt etwas viel Grundlegenderes.
Damit die Umweltbewegung – für alle radikalen Bewegungen in Großbritannien – von einer Protestbewegung zu einer Bewegung der sozialen Transformation übergehen kann, brauchen wir einen konzeptuellen Rahmen, der unsere Aktionen miteinander verbindet und uns eine klare Richtung gibt, auf die wir hinarbeiten können. Wir müssen über Antifaschismus, Anti-Fracking, Anti-Boris, Antikapitalismus usw. hinausgehen und uns für etwas einsetzen, das alle unsere fragmentierten Bewegungen miteinander verbindet und uns einen gemeinsamen Horizont gibt, auf den wir hinarbeiten können. Eine der größten Bedrohungen, mit denen wir als Menschheit konfrontiert sind, ist der Klimawandel, und um uns der Herausforderung zu stellen, uns gegen ein politisches und wirtschaftliches System zu organisieren, dessen Ideologie und Philosophie den Klimawandel vorantreibt, brauchen wir eine Ideologie und Philosophie, die den Klimawandel als untrennbar mit anderen Unterdrückungsmechanismen verbunden versteht. Die Arbeit von Abdullah Öcalan sowie die Philosophie der sozialen Ökologie haben diese Verbindung hergestellt, indem sie die Beziehung zwischen Mensch und Natur als eine Facette der Herrschaftsbeziehungen zwischen Mensch und Mensch verstehen, und insbesondere die Beziehung der Herrschaft von Männern über Frauen – also das, was wir Patriarchat nennen. Dieses Verständnis ist eine Grundlage, ein Fundament des “Neuen Paradigmas” der kurdischen Freiheitsbewegung, das als Antwort auf die Unzulänglichkeiten und Widersprüche eines eher traditionellen staatlich-sozialistischen Ansatzes entwickelt wurde.
Das Neue Paradigma steht der Institution Staat kritisch gegenüber, da es ihn als Herrschaftsmechanismus sieht, und stützt sich stattdessen auf die Säulen der ökologischen Nachhaltigkeit, der Frauenbefreiung und der Basisdemokratie. Es ist mehr als nur eine Ideologie oder eine Strategie, es ist eine ganze Art zu denken, zu beobachten, zu erfahren und zu analysieren, die Wahrheit zu konzeptualisieren. Hier wird also ein Unterschied sichtbar, zwischen was die Bewegung hier in Rojava als Gegengewicht zum Klimawandel vorschlägt, und dem, was unsere Bewegungen in Großbritannien bis jetzt vorschlagen konnten. Wenn wir in Großbritannien über die Bekämpfung des Klimawandels sprechen, dann sprechen wir über Technologie, wir sprechen über Gesetzgebung und Kohlenstoffsteuern, wir sprechen über die Ablehnung einer wachstumsbasierten Wirtschaft und manchmal über Kapitalismus. Langsam fangen mehr Teile der Bewegung an, auf die Stimmen von Gemeinschaften nicht-weißer und indigener Völker zu hören und sagen, wir müssen über Kolonialismus, über Rassismus sprechen – was ein Schritt in die richtige Richtung ist. Wenn in der kurdischen Freiheitsbewegung, über Ökologie gesprochen wird, sprechen sie darüber, wie wir die Wahrheit verstehen, sie sprechen darüber, woher wir als Menschheit gekommen sind, sie sprechen über das Wissen von Müttern und Großmüttern, von Älteren. Es geht also nicht wirklich um Ökologie in Rojava, sondern um das Neue Paradigma der kurdischen Freiheitsbewegung und wie es sich in Rojava und in den ökologischen Ansätzen der Bewegung manifestiert, denn es kann nicht wirklich getrennt werden. Das politische Paradigma der Bewegung treibt die Arbeit hier an, und das Beharren darauf, dass ökologische Nachhaltigkeit untrennbar mit der Befreiung der Geschlechter und der Basisdemokratie verbunden ist, bildet einen Analyserahmen, der ein Gegenvorschlag zum Paradigma der kapitalistischen Moderne ist, und nicht nur eine Ablehnung desselben.
Weil die Idee eines ganzen politischen Paradigmas so umfassend ist, finde ich es nützlich, sie in ein paar verschiedene Facetten zu aufzuteilen. Ich habe es unter drei Aspekten betrachtet: die politische Kultur, die Ideologie und das demokratische System.
Schauen wir uns also zunächst die politischen Prinzipien und die Kultur an, was für mich eines der wichtigsten Dinge war, die es zu verstehen galt. Da wir aus dem sogenannten “Westen” kommen, neigen wir dazu, technische, strukturelle Lösungen für Unterdrückung zu betrachten. In Bezug auf die Ökologie bedeutet dies, dass wir versuchen, Gesetze zu ändern, internationale Abkommen zu verabschieden, erneuerbare Technologien verfügbarer zu machen oder Plastiktüten, fossile Brennstoffe oder stark verschmutzende Industrien zu verbieten. In der weiteren politischen Organisation, auch in radikalen Gruppen, gehören zu den eher technischen, oberflächlichen Lösungen der Aufbau von politischen Strukturen, die repräsentativer sind, oder die Entwicklung von Wirtschaftssystemen, die auf Gerechtigkeit ausgerichtet sind. Und bevor ich hierher kam, hätte ich diese Dinge niemals als technisch und oberflächlich bezeichnet, sondern als strukturell und auf die Wurzel des Problems gerichtet. Aber eine Sache, die ich hier gelernt habe, ist, dass wir tiefer gehen müssen, und mein Verständnis davon, was “tief” bedeutet, verändert sich immer noch.
So kam ich auf der Suche nach diesen technischen Lösungen nach Rojava – wie funktionieren die Räte? Wie oft finden Wahlen statt? Wie viele Menschen bilden eine Nachbarschaftsgemeinde? Aber all dies ist völlig bedeutungslos ohne eine revolutionäre politische Kultur. Diese politische Kultur hat ihre Grundlage im Vertrauen – Vetrauen auf uns selbst, auf einander und auf die Ideen der Bewegung. Sie basiert auf Engagement und Hingabe, auf der Bereitschaft, sich voll und ganz – und nicht widerwillig – für die Arbeit einzusetzen, die notwendig ist. Energie in die Entwicklung und Veränderung von sich selbst und den Menschen, mit denen wir uns organisiert, zu stecken, anstatt jemanden abzuweisen, wenn mensch etwas falsch gemacht hat oder wir nicht einer Meinung ist. Es bedeutet auch, dem Kollektiv den Vorrang vor dem Individuum zu geben, die Vorstellung von Freiheit neu zu formulieren, so dass sie weniger auf individueller Autonomie als vielmehr auf kollektiver Befreiung basiert. Dinge wie die Call-Out-Kultur[1] gibt es hier also nicht wirklich. Stattdessen gibt es eine ständige Kultur der Kritik mit Liebe und Respekt, weil wir uns verpflichtet haben, unseren Freund*innen zu helfen, sich zu verbessern und weiterzukommen. Diese politische Kultur und die revolutionären Werte sind die Seele der Bewegung. Der Versuch, einen demokratischen Konföderalismus – und ökologische Nachhaltigkeit – aufzubauen, ist ohne ein Fundament dieser politischen Kultur unmöglich.
Die zweite Facette ist die Ideologie der Bewegung. Diese ist genauso wichtig, oder zumindest fast genauso wichtig, weil sie unseren politischen Prinzipien einen Rahmen und ein Ziel gibt. Durch die Ideologie analysieren wir den Staat als Herrschaftsverhältnis und wir sehen den Kapitalismus als eine vorübergehende Phase der Menschheitsgeschichte, die wir überwinden können, die wir überwinden müssen, um das Patriarchat zu bekämpfen, die Macht auf Frauen und andere unterdrückte Geschlechter übertragen, und so weiter. Als ich mich in England organisierte, hat mich Ideologie immer abgestoßen. Durch meine Zeit hier fühle ich mich inzwischen verbunden damit, was für eine Bedeutung Ideologie hat. Etwas, was hier gelehrt wird, ist, dass deine Analyse nicht gut sein wird, wenn du durch die falsche analytische Linse schaust.
Und wenn wir es nicht schafft, eine alternative analytische Linse zu der Dominanten zu konstruieren – die in Großbritannien Liberalismus, Kapitalismus, Staatsmentalität und so weiter sind – dann werden wir am Ende innerhalb der dominanten analytischen Blickweise arbeiten. Und es ist die Ideologie, die es möglich macht, diese analytische Verständniss aufzubauen. Die Bewegung hier erklärt die Mängel des westlichen Anarchismus und des westlichen Feminismus oft auf diese Art und Weise – diese Bewegungen waren unglaublich mächtig und haben einige großartige Dinge erreicht, aber sie waren nicht in der Lage, aus dem Rahmen des Liberalismus auszubrechen und blieben deshalb in einer individualistischen, kapitalistischen und staatsbasierten Denkweise stecken.
Eine Art Ideologie zu haben, die uns zusammenhält, ermöglicht es uns, die Widersprüche in unserer Strategie und unseren Aktionen auszuhalten, was im Hinblick auf die Bekämpfung des Klimawandels absolut entscheidend sein wird. Wir arbeiten in einer Realität, in der es unmöglich ist, unsere ökologischen Werte vollständig in unserer Lebensweise zu verkörpern, und eine übermäßige Fixierung auf diesen mehr lebensstilistischen Ansatz zur Nachhaltigkeit schneidet viele Möglichkeiten ab, sich auf einer kollektiveren und grundlegenderen Ebene zu organisieren. In Rojava hat der ökologische Aspekt der Revolution unzählige Herausforderungen und Widersprüche erlebt.
Obwohl sich die Bewegung hier der Nachhaltigkeit verschrieben hat, wird viel durch die Gewinne aus der Förderung fossiler Brennstoffe finanziert. Die fehlende Infrastruktur führt dazu, dass die Menschen Müll verbrennen und Abfälle deponieren, und das Wirtschaftsembargo bedeutet, dass nachhaltigere Technologien unglaublich schwer zugänglich sind. Manchmal müssen Entscheidungen getroffen werden, bei denen ein ökologischerer Ansatz mit einem praktischeren, kurzfristigeren Ansatz in Widerspruch steht. Es gibt jedoch nach wie vor ein prinzipielles Bekenntnis zur Ökologie, das sich sowohl auf struktureller Ebene – jede Gemeinde und Region hat beispielsweise einen Ökologie-Komittee – als auch auf der Ebene der Ethik, der Prinzipien manifestiert.
Mir scheint, dass das Fehlen dieses gemeinsamen ideologischen Rahmens im Vereinigten Königreich dazu geführt hat, dass wir weniger in der Lage sind, Widersprüche auszuhalten, so dass wir uns oft in technische Debatten über Plastikhalme oder darüber, ob man vegetarisch, lokal oder biologisch essen soll, verstricken. Obwohl diese Gespräche nützlich sein können, können sie uns daran hindern, uns in der gesamten Gesellschaft effektiver zu organisieren und Brücken zu anderen radikalen Bewegungen zu schlagen; wir entwickeln Ansätze, die puristisch und dogmatisch sein können. Es bedeutet, dass wir in einer Schleife reaktionärer Politik stecken bleiben – gegen Kraftwerke und Startbahnen und Gesetzesvorschläge oder bestimmte Politiker zu reagieren – und diese Dinge unsere politische Strategie vollständig bestimmen lassen, anstatt proaktiv an der Entwicklung eines neuen politischen Paradigmas zu arbeiten und auf Bedrohungen aus diesem Paradigma zu reagieren.
Schließlich gibt es die Strukturen und Prozesse, durch die sich die Bewegung hier organisiert. Diese Strukturen der Basisdemokratie und der Föderation bilden das System des demokratischen Konföderalismus. Dies ist das eher technische Element, wie sich das politische Paradigma in Rojava manifestiert, und es ist sicherlich keine Blaupause, die von einem Land auf ein anderes übertragen werden kann. In England werden wir unser eigenes System der demokratischen Regierungsführung entwickeln müssen, das von unserem historischen, kulturellen, sozialen und wirtschaftlichen Kontext geprägt ist. Hier ist die Gesellschaft in demokratischen Einheiten organisiert, von denen die kleinste die Nachbarschaftskommune ist. Diese Einheiten föderieren sich zu Distrikt-, Regional- und so weiter, bis hin zur Ebene der Autonomen Verwaltung Nordost-Syriens. So viel Macht wie möglich wird nach unten delegiert, so dass nur Entscheidungen mit größeren Auswirkungen auf den höheren Ebenen diskutiert werden. Das System ist noch in der Entwicklung begriffen, und in der Tat verstehen nur wenige Menschen, wie es genau funktioniert. Aber – zumindest an diesem Punkt – wird es von der politischen Kultur und den Werten zusammengehalten, und von der Stärke des Engagements der Bewegung, Lösungen zu finden, Fehler zu beheben und enorme Arbeit zu leisten, damit alles funktioniert. Und dieses Engagement ist zumindest teilweise auf die mächtige Ideologie zurückzuführen, die die Arbeit vorantreibt und eine starke, überzeugende Vision präsentiert, auf die wir alle gemeinsam hinarbeiten.
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Es geht also natürlich nicht darum, diese drei Dinge – politische Prinzipien, Ideologie und demokratisches System – voneinander zu trennen. Es geht um die Beziehung zwischen ihnen, um die Spannungen und Widersprüche zwischen ihnen. Man kann die Organisationsstrukturen der Bewegung nicht von der Kultur und der Ideologie trennen. Für einige Leute mit ökologischem Hintergrund könnte es nützlich sein, dies unter einem Permakultur-Ansatz zu betrachten: Anstatt Dinge in binäre Kategorie, gut oder schlecht, richtig oder falsch einzuteilen, versuchen wir die Dinge als Ganzes sehen und den Beziehungen zwischen verschiedenen Elementen einen Sinn geben. Gleichzeitig ist es ein ökologischer Ansatz – denn so funktioniert die Natur, ganzheitlich und nicht von schwarz-weiß Gegensätze geprägt. Auch das wird hier als ein antipatriarchalen Ansatz gesehen. Und ich möchte noch ein bisschen mehr darüber sprechen, wie die Bewegung Patriarchatskritik mit ökologischer Nachhaltigkeit verbindet – ebenso wie Antifaschismus, Anti-Rassismus,Basisdemokratie etc. – denn für mich ist das etwas, worauf wir in unserer Organisation wirklich zurückgreifen könnten. Ich sehe eine Menge Gruppen in Großbritannien, die an der Entwicklung dieser Analyse und Erzählung arbeiten – vom Wretched of the Earth-Kollektiv, über das Power beyond Borders-Camp in diesem Sommer bis hin zur Tatsache, dass es einen umweltorientierten Tag bei der DSEI-Mobilisierung gibt. Für mich geht es also darum, diesen nächsten Schritt zu machen und nicht nur Kämpfe zu verbinden und Verbindungen herzustellen, sondern ein politisches Paradigma zu entwickeln, das es völlig, unverhandelbar klar macht, dass ökologische Nachhaltigkeit, Geschlechterbefreiung, radikale Demokratie, Antiimperialismus, Antirassismus und Antifaschismus zu einer Bewegung verwoben werden, die eine Alternative zum kapitalistischen Paradigma darstellt und mächtig genug ist, dessen Machtstrukturen zu übernehmen.
Ich habe bisher viel auf einer ziemlich abstrakten Ebene gesprochen, und ich möchte einiges davon ein wenig mehr zum Leben erwecken. Um zu erforschen, wie es aussieht, einen solchen Paradigmenwechsel zu vollziehen, möchte ich ein wenig darüber sprechen, wie die Frauenbefreiung mit der Ökologie und der Entwicklung einer neuen Art von Gesellschaft, einer neuen Art von Politik zusammenhängt. Einer der Wege, auf denen in Rojava für die Frauenbefreiung gearbeitet wird, ist die Entwicklung von etwas, das sich Jineolojȋ nennt – die Wissenschaft der Frauen. Jineolojȋ ist keine Kampagne oder Ideologie, sie wird als Wissenschaft, als Methodik entwickelt, um ein Paradigma der Analyse und Wahrheit zu schaffen, das ganzheitlich ist, anstatt alles in Gegensätze aufzutrennen: Dinge die man beweisen kann vs. Dinge, die man nicht beweisen kann. Oder Dinge, die als real gewertet werden im Gegensatz zu Dinge, die als nicht real gewertet werden. Diese binäre Denkweise wird als eine Sichtweise gewertet, die aus dem Patriarchat kommt, und mit Herrschaft und Fragmentierung verbunden ist. Dies ist auch der Grund, warum die Kritik an diesem philosophischen Ansatz, der auch als Positivismus bezeichnet wird, aus der Frauenbewegung kommt. Hier werden Frauen werden als fähig angesehen, eine andere Denkweise zu bewahren, die das Patriarchat seit Tausenden von Jahren zu unterdrücken versucht, die aber die ganze Zeit über durch den Widerstand von Frauen und allen unterdrückten Geschlechtern gegen das Patriarchat am Leben erhalten wurde. Hier sehen wir also wieder den Gegenvorschlag zum patriarchalem Paradigma, nicht nur eine Ablehnung desselben. Und wir können es mit der Ökologie verbinden, weil die Herrschaft des Menschen über die Natur mit der Herrschaft der Männer über die Frauen einhergeht. Und so ist die Führung der Frauen der Bewegung Teil des ökologischen Pfeilers der Revolution, aber auch Teil des demokratischen Pfeilers.
Die Revolution in Rojava ist eine Frauenrevolution. Das bedeutet nicht nur, dass die Frauen in den Verteidigungskräften gekämpft haben, sondern dass die Frauen Führungspositionen auf allen Ebenen der revolutionären Arbeit einnehmen. Das schließt Frauen aller Klassen, Ethnien und Altersgruppen ein. Die Mütter werden als eine Schlüsselrolle in der Revolution angesehen, und sie sind oft die radikalsten und ernsthaftesten in Bezug auf ihre Hingabe, ihre Vision und ihre Leidenschaft. Diese Frauen übernehmen nicht nur zufällig Führungspositionen – die Führung von Frauen ist in den politischen Strukturen hier nicht verhandelbar. Alle Institutionen – ob Gemeindeversammlungen und Kommunalverwaltung, kulturelle Einrichtungen, Bildungsakademien oder politische Parteien sind mit Doppelspitzen besetzt, in denen eine der Vorsitzenden oder Präsident*in eine Frau sein muss. Im Zusammenhang mit der politischen Repräsentation bedeutet dies, dass eine politische Gruppe, die versucht, am demokratischen System teilzunehmen, aber keine Frauen vertritt, immer nur einen Vertreter im Rat hat, während alle anderen Gruppen zwei haben. Zusätzlich haben alle Institutionen haben eine autonome Frauenstruktur, die auf der gleichen Machtebene wie die allgemeine, gemischte Struktur existiert. Dies ist der Fall von der kleinsten Ebene – zum Beispiel eine Vereinigung von Lehrerinnen in einer Kleinstadt – bis hin zur autonomen Frauenstruktur für ganz Rojava – Kongreya Star.
Ein Beispiel für die Verbindung zwischen Ökologie und Frauenorganisation ist Jinwar, ein Dorf, das von der Frauenbewegung in Rojava gegründet wurde. Jinwar beherbergt etwa 15 Frauen und ihre Kinder, die sich zusammengeschlossen haben, um gemeinsam und ökologisch zu leben. Die Frauen, die aus unterschiedlichen Hintergründen, Regionen, Alter und Ethnien kommen, bewirtschaften mehrere Hektar Ackerland, versorgen Tiere, betreiben eine Bäckerei und führen gemeinsam einen Laden. Ein Teil ihres Stroms wird durch Solarpanelle erzeugt, sie nutzen ökologische Anbaumethoden, pflanzen Bäume auf ihrem Land und sie studieren und teilen ihr Wissen über natürliche Gesundheitsfürsorge. Jinwar bringt die drei Säulen des neuen Paradigmas der Bewegung zusammen: Demokratie, Ökologie und Frauenbefreiung. Andere Projekte – wie Frauenkooperativen, landwirtschaftliche Projekte, Akademien und Gemeinschaftsarbeit – tun dies ebenfalls, auf unterschiedliche Weise. Im ganzen Nordosten Syriens setzt sich das neue Paradigma langsam, allmählich durch. Es ist nicht einfach – es wird Generationen brauchen, bis das Paradigma vollständig Fuß gefasst hat – aber es spricht etwas in den Menschen an: unsere Liebe zur Freiheit, unsere Verbindung zur Natur, unser Glaube, dass die Dinge besser sein können.
Wie arbeiten wir also in Großbritannien darauf hin? Wir müssen uns ehrgeizig und hoffnungsvoll fühlen. Es ist wirklich schwer, das zu tun, während man völlig in die britische Lebenswirklichkeit eintaucht. In Rojava zu sein, hat mir ein neues Gefühl von Perspektive gegeben, die Kraft, in einem größeren Maßstab zu denken und politische Klarheit zu haben, die Fähigkeit, über reaktionäre Politik hinaus zu denken, und den Ehrgeiz, auf einen globalen demokratischen Konföderalismus hinzuarbeiten. Ich möchte euch alle ermutigen, euch zu überlegen, nach Rojava zu kommen, um sich der Revolution hier anzuschließen und von ihr zu lernen. Auf diese Weise ist es möglich, ein neues Paradigma zu erleben und euren Geist für neue Wege der Organisation zu öffnen. Es ist unmöglich zu beschreiben, wie es sich anfühlt, Teil einer Bewegung zu sein, die den Kapitalismus und das Patriarchat wirklich nur als eine relativ kurze Phase der Menschheitsgeschichte sieht, die überwunden werden kann; eine Bewegung, die voller Menschen ist – mit all ihren Unvollkommenheiten, Fehlern und Kämpfen – die ihr Leben für den Aufbau dieser Revolution geben, Tag für Tag.
Im vergangenen Monat kündigten die Zapatisten eine massive Ausweitung ihres Territoriums in Chiapas an mit den Worten – “wir haben gelernt, dass jeder Traum, der nicht die Welt umfasst, ein zu kleiner Traum ist”. Sogar von hier drüben kann ich die Schimmer dieses Traums in Großbritannien sehen, und ich weiß, dass wir ihm Form geben können, wenn wir bereit sind, die Arbeit zu tun. Wir können uns nicht einfach darauf beschränken, über ein einziges Thema, einen einzigen Bereich, eine einzige politische Perspektive nachzudenken. Wir können und müssen größer als das denken.
Ich wünsche euch Serkeftin – Erfolg – bei dieser Arbeit und freue mich darauf, mich euch anzuschließen, wenn ich nach Großbritannien zurückkehre.
[1] Call Out Culture“ (call somebody out on something: jemanden wegen etwas zur Rede stellen) beschreibt das Phänomen, Menschen öffentlich auf ihr problematisches Verhalten bzw. Aussagen hinzuweisen. Dies ist wichtig: Wenn ich einen Fehler mache und durch unbedachte Tweets oder dergleichen jemanden verletze, möchte ich gerne darauf aufmerksam gemacht werden, dass das nicht in Ordnung war. Das gibt mir die Möglichkeit, aus meinem Verhalten zu lernen und um Entschuldigung zu bitten. Andererseits kann Calling Out aber auch von valider, sachlicher Kritik zu einem Shitstorm und Cybermobbing umschlagen.

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